Kurzgeschichten

Lisas Kurzgeschichte:


Wie der Vater so die Tochter?


„Carpe diem!“, ist ihr Motto. Da sitzt sie und denkt über ihr Leben nach, sie ist froh, dass sie keinen Stress hat, alles läuft gut. Klar, sie könnte jetzt schon einmal befördert worden sein, aber wozu, wenn das Geld reicht?

„Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“, so lautet seine Devise. Da steht er und denkt über sein Leben nach, die Hände in den Taschen seines teuren und seriösen Anzugs. Ungeduldig wartet er auf seinen Termin, ein wichtiger Kunde seiner eigenen Firma, schließlich hat er heute noch einige andere Dinge zu erledigen und er will abends ohne eine unbearbeitete Akte auf dem Schreibtisch zu Bett gehen.

Wenn sie so auf ihrem Sessel sitzt kann sie sich entspannen und nachdenken. Was sind das nur für Menschen, die nur an ihre Karriere denken? Glauben die, dass sie etwas Besseres sind? Sie kennt solche Menschen, ihr Vater ist einer davon, ihr hat er auch immer versucht klar zu machen, dass Fleiß und Ehrgeiz der einzige Schlüssel zum Erfolg sind. Aber wo war er als sie ihn brauchte, als sie allein mit ihrer Mutter in Urlaub fuhr, weil Vaters Firma einen wichtigen Auftrag bekommen hatte? Für ihre Kinder wünscht sie sich ein sorgloses Leben an dem sie und ihr Mann teilnehmen. Sie ist zufrieden mit ihrer Zukunftsvorstellung, da braucht es keine drei Reisen im Jahr.

Wenn diese Frau, mit der er gestern den Termin ausgemacht hat, nicht bald erscheint, dann geht er zurück in sein Büro anstatt draußen zu warten und beginnt schon mal mit der Planung des nächsten Auftrags. Er könnte natürlich auch warten und seine kurze Pause genießen, aber das passt so gar nicht zu ihm. Wieso sagt seine Frau eigentlich immer, dass er viel zu wenig an sich und die Familie denkt? Sie versteht einfach nicht, was er ihnen alles ermöglicht. Wer kann sich schon drei Reisen im Jahr leisten? Seine Frau und seine Tochter sollten stolz auf ihn sein, anstatt ständig zu nörgeln, dass er zu wenig Zeit hätte. Gut, er konnte ein-, zwei-, dreimal nicht mit in den Urlaub fahren als seine Tochter noch klein war, aber da ist ihm auch wirklich etwas sehr wichtiges dazwischen gekommen. Auf der anderen Seite hätte er seine Tochter anders erziehen können, wenn er häufiger zu Hause gewesen wäre. Wie oft hat er ihr versucht klar zu machen, dass Fleiß und Ehrgeiz der einzige Schlüssel zum Erfolg sind? Doch das scheint sie nicht zu interessieren, wahrscheinlich träumt sie gerade vor sich hin, anstatt sich ernsthafte Gedanken über ihre berufliche Zukunft zu machen.

Wenn ihr Vater sie jetzt sehen würde, dann würde er sich fragen, was er bei ihrer Erziehung falsch gemacht hat. Wieso fragt er sich nie, was ihre Mutter und sie meinen, wenn sie ihm sagen, dass er viel zu wenig an sich und an die Familie denkt? Er denkt, dass sie stolz auf ihn sein sollten. Damit kann sie einfach nicht umgehen, es ist wahrscheinlich besser, dass sie kaum noch mit ihm spricht. Er hat kein anderes Gesprächsthema als ihren Misserfolg, nie sieht er, was sie schafft, immer nur, dass es noch mehr sein könnte. Aber wieso soll sie sich eigentlich damit befassen, solange sie mit sich zufrieden ist? Andererseits, er ist nun mal ihr Vater und ihr Großvater war genauso, also ist es nicht nur seine Schuld, dass er so geworden ist. Er hat das alles ja auch für sie und ihre Mutter getan. Vielleicht ruft sie ihn bei Gelegenheit mal an.

Natürlich hat er schon häufig darüber nachgedacht, wie es wäre, weniger zu arbeiten, aber das passt einfach nicht zu ihm, so ist er nicht erzogen worden. Trotzdem solange seine Tochter mit ihrem Leben zufrieden ist, sollte er sich eigentlich raushalten, schließlich hat sie genauso Erfolge, wenn diese für ihn auch nur von geringer Bedeutung wären, aber es ist ihr Leben. Vielleicht ruft er sie bei Gelegenheit mal an.






Franzis Kurzgeschichte:


Freundschaft als unverschlossene Tür


Ihr Handy klingelt! Ganz genau hört sie, wie „La Tortura“ ertönt. Es kommt ihr vor, als wäre es nicht echt. Wie das Klingeln des Weckers im Traum, von dem man im ersten Moment denkt, dass es nicht real ist, in der Hoffnung, noch nicht erwachen zu müssen. Für den Bruchteil einer Sekunde denkt sie daran, es aus ihrer Tasche zu holen. Ein Reflex. Schnell lässt sie diesen Gedanken jedoch fallen. Viel zu groß ist die Gefahr, dass sie abheben möchte, wenn sein Name auf dem Display erscheint. Sie würde es nicht ertragen seine tiefe Stimme am anderen Ende der Leitung zu hören, würde sie auf den kleinen Knopf mit dem grünen Hörer drücken. Dabei versuchte sie doch mit solcher Kraft zu vergessen. Ihn zu vergessen…, die Sommerferien, ihre gemeinsame Zeit, die neuen Erfahrungen,… die Zeit die bevorgestanden hätte, hätte sie keinen Schlussstrich gezogen. Sie sieht ihn genau vor sich - groß, schlank, aber nicht mager, dichtes dunkles Haar, lange schmale Finger und kastanienbraune Augen - Ein Traum! Ihr Traum, in dem sie entschieden hat, den Wecker zu hören. Sie würde es sich lieber noch einmal überlegen, ob sie aufwachen möchte oder nicht. Denn aufwachen hieße, raus in das Leben, in dem Er keine Rolle mehr spielt.
“Ich habe mal gehört, dass es einem besser geht, wenn man über die Dinge redet, die einen bedrücken!“, die sanfte Stimme der Freundin bringt sie wieder zurück in die Realität. Auf eine Party, zu der sie gar nicht gehen wollte, und an einen so schönen Augustabend, an dem sie das Haus gar nicht verlassen wollte. Sie hätte sich wie jeden Tag in ihrem Bett verkrümelt und krampfhaft versuch einzuschlafen, um vor ihren Gedanken zu fliehen.
„Dinge die mich bedrücken? Was meinst du?“ Ihr war ganz klar, dass sich diese Fragen total lächerlich anhörten. Lange genug kennen sie sich, um zu wissen, wann es der anderen schlecht geht! Eigentlich wundert es sie, dass sie noch nicht früher zu ihr gekommen ist um mit ihr zu reden. Doch warum jetzt? Warum gerade dann, wenn sie nicht die Kraft hat ihren Fragen Stand zu halten ohne in Tränen auszubrechen?
„Du kannst mir nichts vormachen! Ich weiß, dass irgendwas ist!“ Sie senkt die Hand, in der sie einen leeren Becher hält. Ganz plötzlich verspürt sie einen fruchtbaren Durst. Als sie sagen will, dass sie sich noch etwas zu trinken holt, bringt sie kein Wort raus. Ihr Mund ist trocken wie noch nie, die Zunge wie tot, ihr Hals enger als ein Strohhalm. Sie will sich umdrehen und gehen, doch ihr Körper ist wie angewachsen. Es ist als schaue ihre Freundin geradewegs in sie hinein, doch trotzdem blicken sie ihre Augen ungwiss an und in ihrem Gesicht kann man die unbeantwortete Frage lesen: “Was ist los?“ Dieser fragende Blick ist es, der sie von dem weglaufen hindert. Als kein Zweifel mehr darin besteht, dass ihr gleich Tränen über die Wangen rollen, nimmt die Freundin sie in den Arm. Der dicke Kloß in ihrem Hals ist nun zu einem großen Brocken angeschwollen, sodass sie denkt, sie bekäme keine Luft mehr. Ihre Tränen kann sie nun nicht mehr zurückhalten…Tränen der Verzweiflung. Als würde sich durch die Umarmung einen Tür öffnen, ein Ventil, um ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. Für einen kurzen Moment hat sie das Gefühl, ihr würde der Köpf platzen. Mit so vielen Emotionen auf einmal hat sie nicht gerechnet. So lange hat sie alles in sich hineingefressen und sich noch nicht mal ihrer Freundin anvertraut. Dennoch fühlt sie sich nicht bereit es jemandem zu erzählen. Noch nicht!
Für die Freundin steht fest, dass nicht ihr Geheimnis im Mittelpunkt steht, sondern ihre Freundschaft! Das Gefühlt jemanden zu haben, dem man vertrauen kann…und bei dem man sich geborgen fühlt! Als sie den schnellen Herzschlag der Freundin spürte muss sie an eine Spruch denken, den ihr diese einmal aufgeschrieben hatte: Die Liebe fragt die Freundschaft: "Wozu bist du eigentlich da?“ Da antwortet die Freundschaft: "Um die Tränen zu trocknen, die du verursachst!“ Obwohl sie keinen Schimmer davon hat, was vorgefallen ist, weiß sie, dass es ihre Aufgabe ist, die scheinbar verletzte Freundin zu unterstützen und ihr Halt zu geben!
Noch eine Zeit stehen die beiden so da, bis die Tränen getrocknet sind und sie ohne Hilfe wieder auf eigenen Beinen stehen kann. Wenn man genau hinsieht, ist ein lächeln in beiden Gesichtern zu entdecken. „Danke!“, ist das erste Wort, das gesagt wird, „ Danke, dass es dich gibt!“

soulys am 14.11.06 19:05

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Andi / Website (15.11.06 18:36)
Illustere Geschichten die vor Bilder nur so strotzen, und jetzt auch noch illustriert.
Schön geschrieben, beide.

(Obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass Johanna mal beim Fotomachen _nicht_ gelacht hat)

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