Wunderbare Sehnsucht

Seit Stunden schon wälzt sich Jean-Jacques, der Leichtmatrose, auf dem schmalen Lager seiner Viermannskajüte von einer Seite seines Körpers auf die andere. Der Viermaster, auf dem er angeheuert hat, liegt vorm Kattegatt mit Kurs auf Kap Horn, doch die Position des Matrosenherzens ist in dieser sternklaren Novembernacht schon viel weiter südlich im wärmeren Gefilden. Wie stets, wenn er nicht gerade an wichtige Matrosensachen denken muss, segeln seine Gedanken zu Yvette, seiner Braut, die eine Haut hat wie Mich und Augen so blau wie Lapislazuli, eine zarte Seele und einen hammermäßigen Hintern, also, so einen sieht man nicht alle Tage. Noch nicht einmal Jean-Jacques, der rechtmäßigen Anspruch auf diesen Anblick hat. Denn seit sieben Monaten schon ist er auf See. Ohne ein Wort von ihr. Voller guter Hoffnung zwar, jedoch ohne Gewissheit. Jean-Jacques ist schlaflos. Jean-Jacques ist ausgezehrt. Denn Jean-Jacques verzehrt sich.
Auch Yvette geht es prächtig. Auch sie befindet sich in dem beneidenswerten Zustand des verzweifelten Sehnens. Schon ganz schlaff ist Jean-Jacques tausendmal gelesener Brief, den das Postschiff vor sieben Monaten brachte. Weicher geworden vom wieder und wieder streicheln ist Jean-Jacques ehemals markantes Scherenschnittprofil. Gedankenverloren schnitzt Yvette beim Gemüse putzen seinen Namen in die Rüben und sie zählt dabei die Tage bis zu seiner Rückkehr. Und diese – das verleiht Yvettes Sehnen diese ganz besonders intensive Süße – ist natürlich ungewiss!
Ungewiss ist natürlich auch immer die Ankunft des ICE 5432 Walther von der Vogelweide von Würzburg über Göttingen, Fulda, Kasel-Wilhelmshöhe und Hannover nach Hamburg, zur Weiterfahrt nach Kiel, Abfahrt 17:38 Uhr, Ankunft 20:32 Uhr. In dem sitzt – rund 200 Jahre nach der schweren Zerreißprobe für eine junge Seefahrerehe – ein Nachfahre von Jean-Jacques und Yvette und folgt, wie jeden Freitag um diese Zeit, dem Ruf seines Herzens. Er fährt zu einer jungen Frau, mit der er sich überraschend innig in Liebe verbunden fühlt. Darüber hinaus bietet die Liaison zu dieser jungen Frau mit diesem jungen im ICE jedoch keinerlei Überraschungen. Jeder ist, Mobiltelefon, E-Mail und SMS sei es gedankt, zu jedem Augenblick seines Daseins über alles im Leben des anderen informiert. Dazu gehören prickelnde Details wie diese:
Auf der Höhe Kassel nahm er ein überdurchschnittlich gut mit Cervelatwurst belegtes Mehrkornbrötchen zu sich. Bei Göttingen befand er sich in seinem Buch auf Seite 173 im unteren Drittel, kurz nach Hannover – er ist ein schneller Leser – auf Seite 242. Sie durfte erfahren, dass es der alten Dame auf Platz 84 unmöglich ist; entgegen der Fahrtrichtung zu sitzen. Aufregender wurde es dann bis Hamburg-Harbung nicht mehr, was er ihr mit vier weitern Kurzmitteilungen versicherte. Kein schlechter Schnitt für 3,5 Stunden. Aber später geht es weiter. Auf die Frage: „Wo bist du gerade?“ findet sie immer wieder neue Antworten. Welch erotischer Zauber geht von einem Lagebericht wie diesem aus: „Du, ich steh gerade in der Stützstrumpfabteilung von Karstadt und, du glaubst es nicht, die haben meine Größe nicht da!“

soulys am 16.8.06 16:38

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